Vita

Bettina Heinen-Ayech über sich selbst


Eltern von Bettina Heinen-Ayech, Hanns und Erna Heinen, 1919
Eltern von Bettina Heinen-Ayech, Hanns und Erna Heinen, 1919

Über die Kindheit

Meine Kindheit und Jugend in Solingen kann man trotz Nachkriegsjahren mit deren Hunger und Kälte glücklich nennen. Zwar erinnere ich mich noch gut, dass wir alle in einem Raum geschlafen haben und von gekochten Steckrüben lebten, aber auch an den Augenblick, als wir das erste Brot bekamen und mein Vater uns zum Gebet anhielt. Mein Vater schrieb nachts Gedichte, die uns meine Mutter immer vorlas und die sicher den tiefsten Eindruck meiner Jugend hinterließen. Mein Lehrer, der Kunstmaler Erwin Bowien, tauschte Bilder gegen Essen ein, so dass wir nicht verhungerten. Trotz der schwierigen Lage jener Jahre malte er täglich. Unser Haus war ein Treffpunkt für Kunst-, Musik- und Literaturgesinnte, die meine Mutter als Gastgeberin sehr schätzten. So erinnere ich mich an die häufigen Besuche von Künstlern und Intellektuellen im wöchentlichen „Salon“ meiner Eltern. Ich nenne hier stellvertretend nur einige: dem Politiker und Kunstmäzen Herrn Dr. Kronenberg, die Pianistin Frau Elly Ney, den Maler Herrn Professor Georg Meistermann, die Bildhauerin Frau Lies Ketterer, den Schriftsteller Herrn Dr. Heinz Risse und viele andere. Meine Schwester und ich gingen lange zu Fuß nach Höhscheid, um dann mit der Straßenbahn in der August-Dicke-Schule zu landen. Ungern verließen wir das Haus, bevor nicht mein Vater aus dem Flurfenster oben schaute und uns „Schlaft schön“ nachrief. Oft gingen wir abergläubisch zurück, wenn mein Vater das liebevolle Wort zum Abschied vergaß.

Bettina Heinen-Ayech als Kind mit Schwester Gabriele Richard und Mutter Erna Heinen-Steinhoff in Kreuzthal-Eisenbach bei Isny, 1944
Bettina Heinen-Ayech als Kind mit Schwester Gabriele Richard und Mutter Erna Heinen-Steinhoff in Kreuzthal-Eisenbach bei Isny, 1944

Meine Schulzeit

In der Schule hat mein Malen immer Anerkennung gefunden. Die Zeichenlehrerin Johanna Büsser lobte und förderte mich ständig. Erwin Bowien sah meine Entwicklung mit Freuden. Er war ganz sicher, dass ich Malerin würde, als er die ganz figurigen Bildnisse sah, die ich von meinen Neffen malte. Ich aber schrieb auch leidenschaftlich gern Theaterstücke, Reiseabenteuer und Gedichte. So besessen war ich davon, dass ich selbst in der Straßenbahn eifrig schrieb. Und meine dritte Leidenschaft – jetzt dürfen Sie alle lachen – war das Tanzen. An meinem Schreiben nahm die Deutschlehrerin Frau Schildmann regen Anteil. Sie empfand meine Aufsätze so andersartig, dass sie nicht zensierbar wären. Meine ersten Jugendbilder kaufte meine Lehrerin Frau Dorothea Rusch, als ich 13 Jahre alt war. Meine Freundschaft und Bewunderung für Frau Rusch hat sich bis heute erhalten. In den Schulferien reiste ich entweder zu Erwin Bowien nach Weil am Rhein, um im Dreiländereck zu malen, oder mit ihm auf die Insel Sylt nach Klappholttal, ein Volkshochschullager, in dem viele Intellektuelle und Künstler der damaligen Zeit Vorträge hielten und wirkten. Dort malte ich mit Vorliebe ganz figurige, junge Männer.


Die ersten Malreisen nach Schweden, Norwegen und in das Tessin

Als ich noch keine 18 Jahre alt war, sah Karl Schmidt-Rottlof meine Bilder bei der Frankfurter Galeristin Hanna Bekker vom Rath (im Frankfurter Kunstkabinett), die ihm außerordentlich gut gefielen. Er schrieb mir, ich solle Scheuklappen tragen und mir selber treu bleiben. Wir fuhren oft nach Schweden und Norwegen, wo ich von Landschaft und Menschen hingerissen war. Der norwegische Dichter Dagfinn Zwilgmeyer lobte meine Landschaftsdarstellungen seiner Heimat sehr und kaufte sie. Frau Zwilgmeyer war Tochter eines Öltankerkapitäns, und unvergesslich ist mir das Bild einer riesigen Öltankerflotte, die in einem ganz kleinen Hafen lag. Als mir Leute erzählten, dass in dem roten kleinen Holzhäuschen, das vor uns lag und vor den riesigen Stahlschiffen winzig aussah, der Besitzer der Tankerflotte wohnte, dachte ich an unsere alten Häuschen in Solingen, die sich sofort dadurch für mich aufwerteten. Wenn selbst Reedereimillionäre in ihrem alten Holzhaus wohnen bleiben, dann können auch Künstler in ihren alten bergischen Fachwerkhäuschen wohnen. In Nordnorwegen auf der Insel Alsten am Fuße des Sieben-Schwestern Gebirges wurden wir vom Ehepaar Arna und Peer Milde, dem damaligen Hafendirektor von Sandnesjon, liebevoll aufgenommen. Die Inselbewohner kamen jeden Abend und wollten die Fortschritte unserer Bilder sehen. Das ist das richtige Arbeitsklima für einen Künstler. Die vielen Reisen nach Norwegen prägten meine frühen Schaffensjahre sehr. Diese Bilder sollten mal in einer Ausstellung in Solingen gezeigt werden, wo noch nie mein frühes und spätes Werk gemeinsam ausgestellt wurden. Das farbliche Erlebnis war das Licht. In ganz Europa wird die Farbe vom Licht gestaltet. In Norwegen ist die Mitternachtssonne mit ihrer grandiosen Farbigkeit einmalig. Ein weiteres riesiges Erlebnis für mich war das Tessin, die italienische Schweiz, das mit seiner subtropischen Pflanzenwelt ein Gegenpol zur nordischen Landschaft war, aber mit dem Norden die Grandiosität gemeinsam hat. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen konnte, war, dass die farbige Blumenpracht des Tessins den Übergang zu Afrika bilden würde.


Die Kunststudentin Bettina an der königlichen Kunstakademie in Kopenhagen, 1958
Die Kunststudentin Bettina an der königlichen Kunstakademie in Kopenhagen, 1958

Lehrjahre an der Kunsthochschule bei Professor Otto Gerster in Köln

Jetzt darf ich aber meine Studienjahre nicht vergessen. 1954, noch 16jährig, ging ich auf die Kunstschule, jetzt Kunsthochschule, damals die Kölner Werkschulen genannt, nach Köln. Bowien fand es enorm wichtig, dass ich Akt- und Portraitzeichnen und -malen lernte. Er fand die Darstellung des Menschen als das Wichtigste in der Malerei. Schon Leonardo da Vinci schrieb, dass Kunst die Darstellung des Menschen mit seiner Seele wäre. Ich wollte unbedingt in die Klasse der monumentalen Wandmalerei von Professor Otto Gerster und machte die Aufnahmeprüfung. Die zu dieser Prüfung vorgelegten und während der Prüfung gemachten Arbeiten ließen mich drei Jahre des Zeichnens überspringen, und Otto Gerster nahm mich direkt in die Klasse der monumentalen Wandmalerei auf. Dort war ich außer einer hochbegabten Deutsch-Kubanerin, die selten zur Schule kam, das einzige Mädchen in der Klasse. Wenn die Maler sich anrüchige Witze erzählten, wurde ich auf den Balkon gesperrt, bis Professor Gerster dem bösen Spiel ein Ende setzte und den Studenten verbot, mich auf den Balkon zu sperren. Aus dieser Zeit habe ich besonders Herrn Kuhnhenn aus Remscheid in Erinnerung, der später buddhistischer Mönch in Burma wurde. Erst später kamen zwei weitere junge Damen in unsere Klasse, um die die Herren herumscharwenzelten, was mich zutiefst beleidigte, denn ich war in ihren Augen zu jung, um interessant zu sein. Mit dem Aktzeichnen verging der Morgen und oft der halbe Nachmittag. Otto Gerster wies uns auf das Wichtige hin: Die Proportionen und wie ein Mensch richtig steht. Der Laie weiß oft nicht, wie schwer es ist, eine Figur überzeugend stehend darzustellen. Die größte Gefahr dabei ist, dass sie auf dem Papier umkippt oder durch die Gegend wackelt. Schon die Römer haben in ihren Plastiken das Standbein übermäßig betont. Eigentlich müsste der Maler jeden Tag eine Stunde aktzeichnen. Nachmittags machten wir Kartons zu Wandgemälden. Ich wagte es noch nicht, mehrere Personen darzustellen, sondern konzentrierte mich zuerst auf eine Person. Nachdem wir den Karton fertig hatten, begann die Malerei mit Caseinfarbe, die etwa so wie Guasch ist. Immer störte mich der weiße Schleier bei der Caseinfarbe, der sich aber beim Trocknen des nassen Putzes entfernt. Die Technik hatte viel Ähnlichkeit mit dem Aquarell, denn man kann auch mit ihr wenig verbessern. Professor Otto Gerster hatte gewisse Vorstellungen, wie ein gutes Bild aussehen sollte, und gab dafür Vorgaben an, die ich oft als eine Masche empfand. Ich vergesse nie seinen Ausdruck: „Bettina, Sie wollen sich nicht dem Konformismus stellen“. Nein, ich wollte nicht und will mich auch heute noch nicht dem Konformismus stellen. Ich wollte eigene Formen und Farbgebungen schaffen und einen eigenen Rhythmus des Bildes. Unvergesslich sind mir die Karnevalstage jener Zeit in Köln. Ich habe nächtelang gefeiert.

Bettina beim Schweizer Kunstsammler Dr. Eduard M. Fallet-Von Kastelberg, 1964
Bettina beim Schweizer Kunstsammler Dr. Eduard M. Fallet-Von Kastelberg, 1964

Studienjahre an der Kunstakademie bei Professor Hermann Kasper in München

Nach vier Jahren bei Otto Gerster ging ich zu Hermann Kasper an die Kunstakademie in München, auch wieder in die Klasse für monumentale Wandmalerei, wo ich einige Wandgemälde schuf. Schade, dass ich später in meinem Leben nie wirkliche Wandmalerei ausüben konnte. Neben der Wandmalerei wurden in München täglich Portraits gemalt. Da oft das Modell fehlte, saßen sich die Maler gegenseitig Modell. In München lernte ich skandinavische Studenten kennen. Alle hatten sie die Leidenschaft zum Tanzen. Mit ihnen und meinem Malerkollegen Peter Halfar tanzte ich jede Nacht im guten alten Schwabing. Das Treiben war so intensiv, dass mich eines Tages ein älterer Herr besuchte und mich bat, seine „Praktikanten“ doch bitte nicht jeden Abend zum Tanzen zu bewegen, da sie inzwischen tagsüber in seiner Klasse schlafen würden.


An der königlichen Kunstakademie bei Professor Paul Soerensen zu Kopenhagen

Es war sicher die Bekanntschaft mit dieser Gruppe von Schweden und Finnen, die mich dazu anregte an die königliche Kunstakademie zu Kopenhagen zu wechseln, wo ich als erste Deutsche nach dem Krieg immatrikuliert wurde. Ich wurde dort in die Malklasse von Professor Paul Soerensen aufgenommen. Bei Paul Soerensen malte ich hauptsächlich Ölbilder. Er legte Wert auf lebensgroße Darstellungen nach lebenden Modellen. Unvergesslich bleibt mir sein Ausdruck, dass man einen leeren Hügel mit Wolken malen könne, fertiger Maler sei. Erst in Algerien begriff ich wirklich, was er damit sagen wollte. Wenn ein Maler dieses fertigbringt und dieses Motiv wirklich interessant darstellen kann, ist er wirklicher Maler. Der lange Winter, in denen die Klassen bis zwölf Uhr nachts geöffnet waren, war ein eindrucksvolles Erlebnis. Ich machte sogar die 500-Jahrfeier der königlichen Kunstakademie mit, bei der ich den dänischen König und seine Familie erlebte. Die dänische Malerei war damals sehr viel ruhiger als die mitteleuropäische Kunst, was mich zu großer Ruhe zwang und meinen Bildern gut tat.


Auf eigenen Wegen

Trotzdem war ich glücklich, die Kunstschulen zu verlassen und endlich wieder meine eigenen Wege in der Malerei zu beschreiten, immer liebevoll angeregt und unsichtbar geleitet von Erwin Bowien. Seine Malerei war voller Leben, und der Ausdruck des Gefühls war ihm wichtig, genau wie mir. Er malte großartige Städtebilder, von denen ich viel lernte. Nicht nur die Perspektive einer Stadt ist überaus schwierig darzustellen, sondern auch die Perspektive einer Landschaft. In Algerien erlebte ich, dass die jungen Maler wenig oder gar keine Landschaften malen, weil sie nie gelernt haben in ihr die Perspektive zu sehen. Sehen zu lernen ist noch vor der Übung das Wichtigste. Als Erwin Bowien 1960 mit mir nach Paris ging, um mir die Museen zu zeigen und Paris zu malen, lernte ich den Algerier Abdelhamid Ayech, meinen späteren Mann, kennen.

Fahrbares Atelier von Bettina in den Medjerda Bergen bei Guelma
Fahrbares Atelier von Bettina in den Medjerda Bergen bei Guelma

Mein Leben in Algerien

Von Algerien hatte ich damals keinerlei Vorstellung und war hingerissen von einer Mentalität, die so anders als die europäische ist. Mir fielen sofort seine Würde und seine Schönheit auf, die gepaart mit Güte war. 1962 wurde ich vom Goethe Institut in Kairo eingeladen auszustellen. Die Ausstellung fand großen Anklang, und das ägyptische Kultusministerium lud mich zu einem Malaufenthalt in die Künstlervilla in Luxor ein, wo ich viele Maler und Bildhauer aus Kairo kennenlernte. Diese Begegnung mit einer anderen Welt, einer anderen Phantasie, einer anderen Religion, war wohl die tiefste Anregung meines Lebens. Ich hatte nach meiner Rückkehr nur einen Wunsch, Algerien, die Heimat von Hamid, kennenzulernen. Anfang Februar 1963, das Land war knapp 6 Monate von der alten Kolonialmacht Frankreich unabhängig, reisten wir mit dem Schiff von Marseille nach Annaba in Ostalgerien. Nie vergesse ich die roséfarbige Küste Nordafrikas wie ich sie vom Schiff aus gesehen habe. Dieser Anblick gab mir das Gefühl in ein Zauberland anzukommen. Schon in der ersten Woche in Guelma, Hamids Heimatstadt, begann ich zu malen. Meine ersten algerischen Landschaftsbilder waren noch von skandinavischen Eindrücken geprägt. Die bergige Umgebung von Guelma, mit den fruchtbaren Tälern hatte nur selten etwas liebliches, sondern war kraftvoll und ausdrucksstark, genau wie in Norwegen. Ich suchte die spezifische Farbe zu erfassen, die teils durch das unglaubliche Licht Nordafrikas kommt, aber auch in sich stärker als jede europäische Farbigkeit ist. Die Erde um Guelma ist sehr stark eisenhaltig und somit rot. Auf dieser roten Erde wachsen Olivenbäume, die je nach Wind und Wetter coelinblau wirken oder von einem differenzierten Grün sind. Man glaubt, sie gingen in der Landschaft spazieren. Manchmal empfinde ich sie als Diamanten in den Feldern.


Ein erfülltes Leben

Die Menschen waren lieb zu mir, und ich erreichte es nach sieben Einzelausstellungen, davon zwei im Nationalmuseum in Algier, mir dort einen großen Namen zu schaffen. Aber ich stellte auch jedes Jahr in Europa und anderen arabischen Ländern aus, manchmal 3-4 mal im Jahr. Natürlich lernte ich die algerischen Künstler kennen, die mir zur Familie wurden. Denn in der Kunst suchen alle Künstler dieser Erde das gleiche, auch wenn wir verschiedene Wege gehen. Abdelhamid Ayech, ich nannte ihn Hamid, begleitete mein Künstlerdasein zwar mit Distanz, aber doch mit liebevoller Zuneigung. Erst jetzt, nach seinem Tode, geht mir auf, wie sehr er mich vor dem mir Fremden schützte und ein ruhiger Pol in meinem Leben war. Er fehlt mir überaus. Hiermit habe ich nur einen kleinen Überblick über mein Leben gegeben. Mein wichtigster künstlerischer Begleiter war, und ist es heute noch, Erwin Bowien. Meine tiefste seelische Anregung war mein Mann Abdelhamid Ayech.

Bettina Heinen-Ayech, Guelma, Juni 1995


Am 07. Juni 2020 verstarb die Künstlerin im Alter von 82 Jahren während eines Aufenthaltes bei ihrer Familie in München. Sie hatte noch kurz vor ihrem Tod ein Blumenbildnis fertig gestellt und den Wunsch geäußert, doch bald wieder zurück nach Algerien zu reisen. Sie liegt begraben im Münchner Waldfriedhof.